Friedrich Wolf (1888 - 1953)
Friedrich Wolf (1888 - 1953)

Der „Nordecker Judenmord“

Veröffentlichung Dezember 2022

 

Hintergründe zum Tode von Salomon und Johanna Wolf am 3. März 1884. Ein Beitrag zur Familiengeschichte des Schriftstellers Friedrich Wolf  (1888 – 1953)

 

In meinem gerade erschienenen Sachbuch „Der Nordecker Judenmord“ geht es im ersten Band um ein in der damaligen Öffentlichkeit Aufsehen erregendes Kapitalverbrechen in dem hessischen Dorf Nordeck bei Marburg im Jahre 1884: In der Nacht vom 2. auf den 3. März wird das alte jüdische Ehepaar Salomon und Johanna Wolf brutal ermordet. Dieses Verbrechen, von der Bevölkerung „Nordecker Judenmord“ genannt, ist bisher noch nie in einer selbständigen Studie näher untersucht und dargestellt worden. Der Doppelmord wird umfassend beleuchtet, ebenso die wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen zwischen jüdischen Kreditgebern (Viehhändlern) und nichtjüdischer Bauernschaft, und auch der antisemitische Hintergrund des Verbrechens, der aufkeimende Agrarantisemitismus eines Otto Böckel in Hessen Ende des 19. Jahrhunderts, wird ausführlich dargestellt. Im zweiten Band ändert sich die Perspektive. Es geht nunmehr um die Frage, welche Folgewirkungen sich aus dem Nordecker Trauma für die Familie Wolf ergaben: Wie viel Unbearbeitetes, „Unverdautes“, Tabuisiertes hat der psychisch schwer traumatisierte Max Wolf, Sohn der Ermordeten, wiederum an das einzige Kind Friedrich, geboren im Dezember 1888, weitergegeben? Die Situation des Enkels zwischen Trauma und Utopie steht im zweiten Band im Zentrum der Untersuchung. Ausgehend vom heutigen Forschungsstand über den Prozess transgenerationaler Weitergabe traumatischer Erfahrungen in Familien wird die These vertreten, Friedrich Wolfs Denken und sozialpolitisches Handeln viel stärker aus dem Blickwinkel des erlittenen Nordecker Familientraumas zu verstehen. Diese neue Sicht auf F. Wolf bietet auch die Chance, die „vererbten Wunden“ aufzuspüren. Der Mensch Friedrich Wolf und seine frühen Prägungen durch das Familiensystem stehen hierbei im Fokus.

Mit der „Nordeck-Studie“ erhält die Familiensaga der Wolfs erstmalig ein klar umrissenes sozialpsychologisches Fundament. Der Blick auf die Familie ist nicht mehr kurzsichtig-verkürzt auf das politisch-künstlerische Wirken im sozialistischen Staat der DDR gerichtet („kommunistischer Adel“), sondern die Perspektive wird geweitet, wendet sich zurück in die Vergangenheit und beleuchtet die jüdische Familiengeschichte der Wolfs im 19. Jahrhundert. Die Folgen bezüglich einer Friedrich-Wolf-Rezeption sind: Die vormoderne, vorfreudianische Konstruktion eines stabilen, ungebrochenen, kohärenten sozialistischen Helden in seiner erfolgreichen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft verblasst mehr und mehr, die Brüchigkeit des Selbst, verursacht durch die Traumatisierung, tritt bei F. Wolf stärker hervor.  Erst mit dem Blick zurück offenbaren sich die Umrisse eines neuen, wirklich modernen Friedrich-Wolf-Bildes. „Nordeck“ ist in der Geschichte der Familie Wolf immer ein abgespaltener, verschwiegener Anteil und somit eine tiefe seelische Wunde geblieben…

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Jüdischer Friedhof Nordeck - Grabsteine von Salomon und Johanna Wolf

Jüdischer Friedhof Nordeck mit wiederaufgestellten Grabsteinen

Blick von der Burg ins hessische Dorf Nordeck. Die Rückseite des Fachwerkhauses, in dem das Ehepaar Wolf gelebt hat, sticht mittig aus dem Bild hervor.

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© Stefan Hoffmann